Österreich in den1950er- und 1960er-Jahren
Die Mitte des 20. jahrhunderts rückt verständlicherweise und notwendigerweise immer stärker in den
Blick von Forschung und Darstellung, Herbert Lackner (zum Autor vgl. hier 2025) gehört wichtig dazu.
Ich verweise in diesem Zusammenhang auch gerne auf die Ausstellung "Tanzen und Taumeln. Die 50er
Jahre in Regensburg" im Historischen Museum von Regensburg, die bis 6. April 2027 dauert.
Herbert Lackner gibt seiner Zusammenfassung des Buches die Überschrift "Aufschwung, Prüderie und
Toast Hawaii" und verweist mit Nachdruck auf die wesentliche gesellschaftliche Entwicklung und dann den
veränderten Geschmack in Kleidung und Musik und ein neues Lebensgefühl, nicht zuletzt dank Urlaub
in Italien. Vor allem ist wirtschaftliche Entwicklung auch in Österreich rasant, das Wirtschaftswunder
zeigt sich sowohl im Rückgang der Arbeitslosigkeit als auch der inflation:
In den 60er Jahren werden
Gastarbeiter angeworben! Allerdings schrumpft die Landwirtschaft und der Wohnungsmangel ist signifikant.
Ausführlich wird das politische Wirken von Leopold Figl dargestellt sowie die Entwicklung der FPÖ (von SPÖ
gefördert!). Besonders gut gefällt mir die recht ausführliche Darstellung der Filmgeschichte. Die Sissi ist
allerdings frei erfunden und als "schwer narzisstische Monarchin" zu verstehen, an deren Darstellung
Romy Schneider die Lust verliert...Bei der (nicht zitierten!) Sissi-Expertin Katrin Unterreiner liest sich das
ein wenig anders.
Für die Wiedereröffnung der Staatsoper November 1955 kritisiert der Autor mit deutlichen Worten ein
"geringes politisches Fingerspitzengefühl der Verantwortlichen", sei es bei der Auswahl der Komponisten
oder dem Dirigat des Staatsoperndirektors Karl Böhm. Allerdings wird hier nach meiner Auffassung unsere
Zeit zur Wertung verwendet, vor zwei Generationen sah man offensichtlich keine Probleme, warum nicht,
bleibt eine wichtige Frage. Bei Karl Böhm wie bei den anderen betroffenen Persönlichkeiten verweist der
Autor mit Recht auf die Verstricktheit in das volle Jahrzehnt Ständestaat und NS-Herrschaft.
Das tut Herbert
Lackner allerdings nicht bei den berühmten deutschen Schriftstellern Günter Grass und Siegfried Lenz,
auch bei Rudolf Augstein ist er "milde"....
Der Begriff "Gemütlichkeit" im Titel erweist sich für mich nach Lektüre dieses gelungenen Buches beinahe als
ambivalent: Mit dem Hintergrund unseres Jahrzehnts von Krisen und Kriegen mögen die beiden Jahrzehnte
"gemütlich" gewesen sein, angesichts der Situation der damaligen Zeitgenossen mit Ungarn 1956 und Prag
1968, aber auch dem Staatsvertrag 1955 und damit dem Ende der Viersektorenstadt Wien zögere ich, das
alles als "gemütlich" zu bezeichnen.